Stille Nacht, heilige Nacht? Oh Du Fröhliche? Fröhliche Weihnacht – wirklich überall? Weihnachten ist im christlichen geprägten Deutschland die Zeit der Besinnung, der Familie, der Einkehr. Und die Zeit der Kirchen. Mitten in die vorweihnachtliche Adventsstimmung platzt die ARD am kommenden Mittwoch nun mit einem Film zu einem Thema, das uns für einem Moment aus vorweihnachtlicher Beschäftigkeit und Konsum herausreißen dürfte: Armut. “Arm und abgeschrieben – Wer hilft aus der Krise?” ist der Titel einer Reportage von Clara Walther und Alessandro Nasini, die die provokante Frage stellt: “Ist Deutschland auf dem Weg in den Almosen- und Suppenküchenstaat”?
Die Frage ist berechtigt, denn in den letzten Jahren hat nicht nur Armut im reichen Deutschland, sondern auch – als eine der sichtbaren Folgen – die Zahl der Suppenküchen, Tafeln und Wohlfahrtsaktivitäten massiv zugenommen, allen voran die der großen Kirchen. Während die Tafeln weitestgehend auf Gemeindeebene organisiert und konfessionell neutral sind, firmieren die meisten der “Armenspeisungen” und Kleiderausgaben unter dem Dach kirchlicher Organisationen wie der Caritas.
Gerade in Zeiten, in denen durch die schwarz-gelbe Bundes- und Landesregierung die Handlungsfähigkeit des Staates (und damit der Gemeinschaft) durch unsoziale Steuersenkungen und Zermürbung der öffentlichen Haushalte immer weiter eingeschränkt wird, stellt sich die Frage, ob das Engagement der Kirchen Armut lindert oder zementiert. Sicherlich sind die Lebensmittel- und Kleiderausgaben für vielen Menschen in Armut und Not eine der wenigen Hilfen, auf die sie sich stützen können. Gleichzeitig wird damit aber politisch der Privat-vor-Staat-Ideologie Vorschub geleistet. Dabei muss ein Sozialstaat des 21. Jahrhunderts allen Menschen Existenz sichern und vor allem Teilhabe garantieren, durch eine ausreichend hohe Existenzsicherung, gute Bildung von Anfang an, das Recht auf eine warme Mahlzeit für jedes Kind, gesundheitliche Versorgung und und und. Dies ist eine öffentliche Aufgabe. Einen “armen Staat” können sich eben nur Reiche leisten.
Der kritische Blick des ARD-Beitrags verspricht spannend zu werden – und wird hoffentlich die Debatte darüber weiter befördern, dass “Privat vor Staat” eine Ideologie ist, die Menschen zu Bittstellern macht, anstatt ihnen Rechte und Teilhabe zu garantieren und zu sichern.







Ein Super-Artikel !!! Ich nenne das die Vertafelung der Gesellschaft. Die Mittelschicht läßt sich herab und gewährt den Armen Almosen … Was temporär als humane Mildtätigkeit absolut zu begrüßen ist, muss als Dauerlösung als Unterdrückung gewertet werden !
… und da muss ich noch einen drauf legen …
Unterdrückung liegt eben auch in struktureller und organisierter Chancenungleichheit. Wenn die einen in endlosen Schlangen nicht mehr wissen, wie sie ihre riesigen Einkaufstüten vom Shopping Center zu SUV kriegen und die anderen jeden Euro zweimal umdrehen müssen, um ihn dann in die Heizkostennachzahlung vom letzten Jahr zu stecken, und danach zur Suppenküche zu gehen, dann gibt es so eine Unterdrückung. Das Suppen kochen, so edel es sein mag, ist eher eine Einrichtung einer Notgemeinschaft (z.B. Krieg) oder einer Machtstruktur (Kirche), zumindest, wenn das Ganze auf Dauer betrieben wird.
Beispeilsweise einserseits Hatz IV mit allem Drum und Dran zu unterschreiben und dann jahrzehntelang Suppe zu kochen und alte Kleidung zu verteilen, ist dann schon ein Widerspruch. Bei aller zugrundeliegenden Menschenliebe …
Das teile ich voll und ganz. Vor allem finde ich, dass – bei allem gebotenen großen Respekt vor den eherenamtlichen HelferInnen – das ganze Wohlfahrtssystem auch noch den Privatisierungsideologen Argumente liefert, so von wegen: Es gibt doch Hilfen, dann müssen die ja nicht unbedingt vom Staat kommen…
Die Solidarität mit Bedürftigen hat Schattenseiten – Tafeln und Sozialkaufhäuser führen in die Abhängigkeit.
Tafeln sind aus dem bundesdeutschen Sozialstaat nicht mehr wegzudenken. Nicht umsonst spricht man mittlereile von der „Suppenküchenrepublik“. Über eine Million Bürger dieses reichen Landes waren allein in diesem Jahr „Gäste“ solcher sozialen Einrichtungen. Auch Sozialkaufhäuser sprießen in weniger kaufkräftigen Wohnvierteln wie Pilze aus dem Boden.
Vordergründig hilft es den Betroffenen: Die Kunden, meist Hartz IV-Empfänger und prekär beschäftigte, können mit ihrem wenigen Geld besser über die Runden kommen, Kinder bekommen ein warme Mahlzeit und die Mitarbeiter dieser Einrichtungen sind beschäftigt (fallen aus der Statistik der Arbeitsagentur raus).
Die Schattenseiten: Billig oder umsonst ist es nur weil Läden ihre (oft) abgelaufenen Lebensmittel preiswert entsorgen können und die sozialen Einrichtungen Lohnkosten sparen, in dem sie Ein-Euro-Jobber in großem Stil beschäftigen. Davon profitieren oft die großen Sozialdienstleister (Diakonie etc.). Ein-Euro-Jobs gelten unter vielen Experten nicht nur als eigentlich rechtswidrig sondern helfen den Betroffen nicht wirklich weiter: sie bleiben auf die Gnade des Jobcenters angewiesen und können auch nur selten auf eine „Eingliederung“ in den ersten Arbeitsmarkt hoffen – nachhaltige Förderung von Menschen sieht anders aus.
Die Kunden dieser Einrichtungen hingegen werden zwar finanziell entlastet, aber gerade dadurch in die Abhängigkeit getrieben. Ihre Würde und die Fähigkeit, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, werden drastisch reduziert. Forderungen von Politikern wie Thilo Sarrazin oder den Chemnitz „Forschern“ nach Überprüfung bzw. Reduzierung der Hartz IV-Sätze erscheinen so in einem völlig neuen Licht.
Verantwortungsbewusstsein, Würde, Eigeninitiative, Unternehmungslust – das Fördern dieser Eigenschaften scheint jedenfalls nicht das Ziel der derzeitigen Arbeitsmarktpolitik zu sein. Traurig für ein Land, das auf seine Innovationskraft angewiesen ist und von der Wissensgesellschaft träumt.
Na dann, Gute Nacht Deutschland!